Tibet naeher und ganz anders gesehen ...
wir sind hier in DaLi nur etwa 400 km von Tibet entfernt und trotzdem hat es lange gedauert, bis wir uns endlich auf den Weg nach dorthin machten. Und eigentlich war auch das nur ein Zufall : Auf dem Weg von unserer Provinzhauptstadt Kunming zurueck nach Dali hatte ich einen Lama kennengelernt und den gefragt, ob er mir helfen koenne, fuer eine Weile in einem tibetischen Kloster auf Zen-Art zu meditieren. Es verging noch ein halbes Jahr, in dem wir nach und nach Vertrauen zueinander fassten und am Ende beschlossen, gemeinsam nach BingBaSi zu fahren.
BingBaSi liegt etwa 400 km noerdlich von Dali in Sichuan und ist nach 8 Stunden Busfahrt und weiteren 8 Stunden per Pferd oder Jeep zu erreichen. BingBaSi liegt auf nur 1.800m Hoehe an einem kleinen malerischen, Fluss, DingQuHe 定曲河, an dem alle Wildwasser-Kanuten ihre Freude haetten. Die Ufer aber reichen steil hoch auf etwa 3.000 m Hoehe und an den Berghaengen sieht man verstreut kleine Gehoefte, Ansammlungen von massiven tibetischen Haeusern, die, wenn man nicht genau hinsieht, auch in der Schweiz liegen koennten.
Unser Ziel, das Kloster BingBa 兵吧寺庙 wurde von rund 1.100 Jahren gebaut und bestand in seiner Bluetezeit aus 3 Tempeln und vielleicht 20 Haeusern. Waehrend der Kulturrevulution wurde es gruendlich niedergebrannt und erst vor ein paar Jahren hat man, auch mit staatlicher Hilfe, begonnen, es wieder aufzubauen. Heute sind ein Tempel und zwei Haeuser wieder halbwegs intakt, und rund 150 Moenche, die tagaus, tagein, teils von weither von ihren Familien anreisen, kuemmern sich um den Klosterbetrieb und die Bau- und Restaurationsarbeiten in den ehemaligen Ruinen.
Wir kamen rechtzeitig zu Buddha's Geburtstag, der ueberall mit grandiosen Festen, drei Tage lang gefeiert wird. Zusammen waren wir 2 Lamas, 200 Moenche und 500 Gaeste. Die meisten von uns kamen per Pferd, oder zu Fuss und waren sicher oft tagelang unterwegs. Der tibetische Buddhismus ist recht lebensfreudig, unverkniffen und so konnte man auf dem Klosterhof allerhand lustige, akrobatische Vorstellungen sehen und hoeren. Der letzte Tag war fuer individuelle Gespraeche der Glaeubigen mit den Lamas, und fuer die Ordination der neuen Moenche und nicht zuletzt fuer die Kollekten reserviert.
Wir hatten waehrend unseres Aufenthalts ueberhaupt keine Zeit, die vielen Eindruecke zu verarbeiten und erst jetzt, nach 2 Wochen, kommen wir dazu, das Geschehen zu verstehen.
Die Menschen waren zu uns ueberaus freundlich, vermutlich waren wir die ersten Fremden ueberhaupt, die sie gesehen haben, denn niemand konnte sich an irgendwelche Auslaender erinnern. Die Leute sind unbeschreiblich arm und die Lebensumstaende sind ausserordentlich schwierig. Zwar gibt es genug Wasser und fruchtbare Erde, doch die Resourcen sind nur sehr schwer zu erreichen. Die Felder koennen nur mithilfe von Eseln, mit den kleinen tibetischen Pferden, oder mit Yaks bearbeitet werden. Nach und nach werden jetzt viele Apfel- und Walnussbaeume angepflanzt, die hoffentlich bald einen kleinen Ertrag bringen werden. Die Gemeinschaftsschulen sind Stunden weit entfernt und die Kinder haben daher auch nicht ueberall Zugang zu weiterfuehrenden Schulen. Die medizinische Versorgung ist ebenfalls nicht leicht zu erreichen und zudem durch die traditionelle Tibetische Medizin erschwert, die westliche Medikamente nur oft genug kategorisch ablehnt.
Wir waren einige Tage bei der Familie des Lama's zuhause und haben mit ihnen dort das Essen geteilt. Es gab natuerlich viel Buttertee, Frischkaese, Buchweizenbrot. Mit dem Buttertee kam ich nicht zurecht, weil ich keine Milch mehr vertrage, aber der Frischkaese und die frische Yakbutter waren wirklich koestlich. Ranzige Butter habe ich nirgendwo gesehen und vielleicht braucht man die nur, um eventuelle, unliebsame Gaeste zu vertreiben ;-) Das Trinkwasser wird muehsam in einen grossen bronzenen Vorratskessel gepumpt und eine Toilette gibt es nur draussen, als hastig geschaufeltes Loch in der Erde, im Freien. Die Familie wohnt im geraeumigen ersten Stock, im Erdgeschoss schlaeft das Vieh eintraechtig zusammen, der Hund mit der Katze, mit den Huehnern, den Schweinen, dem Yak und einem kleinen Esel. Ich habe keine Ahnung, ob und wann man sich waescht, es kann nicht allzuoft sein, aber die Maer, dass sich die Tibeter nur zweimal im Leben waschen, stimmt wahrscheinlich doch nicht ganz.
Die Tibeter sind tief religioes und wir haben zu keinem Zeitpunkt und von keiner Seite Versuche erlebt, ihre Religion zu zu behindern, oder gar zu unterdruecken. Im Gegenteil haben wir gesehen, dass diese alte Tradition von staatlichen Seite im Minoritaetenprogramm ausdruecklich gefoerdert wird. Der tibetische Buddhismus ist fest im Alltag der Menschen verwurzelt und damit kann man leicht viele ihrer Eigenschaften erklaeren, die uns Westlern die Tibeter so sympatisch machen.
An dieser Stelle muss ich schreiben, dass ich das Verhaeltnis mancher Lamas zu den Glaeubigen ausserordentlich kritisch sehe. Ich weiss, dass ich mir damit im Westen keine Freunde machen werde, aber ich muss hier offen sagen, dass die meisten Oberen der Kloester, die wir selbst erlebt haben, und von denen uns zuverlaessige Freunde berichtet haben, auf ihre eigene Art und Weise skrupellose, geldgierige Potentaten sind, die die Hingabe ihrer Glaeubigen ruecksichtslos ausnutzen. Ich moechte keine Beispiele nennen, denn ich habe kein Recht, das Leben von ein paar zufaellig an die Macht gekommenen Lehrern zu verurteilen, oder zu zerstoeren, auch deshalb nicht, weil es eben aus der althergebrachten tibetischen Tradition genau so und nicht anders geworden ist.
Aus meiner Sicht hatten die Tibeter noch niemals die Freiheit, die wir so nennen. Ich kann die Rueckkehr der alten Herrscher und ihres Systems wirklich nicht befuerworten. Im Gegenteil, wenn es eines Tages gelingen sollte, den Tibetern die Art der Freiheiten zu ermoeglichen, die wir hier in der Nachbarprovinz Yunnan zweifellos geniessen, dann waere damit diesen Menschen wahrscheinlich am besten geholfen. Ich will auch nicht die vielen unschuldigen Opfer vergessen machen, die bei den ungluecklichen Versuchen der chinesischen Regierung entstanden, das herrschende System positiv zu veraendern. Ich fuerchte, fuer das Ausmass der notwendigen Reformen hat derzeit noch niemand eine geeignete Loesung,- auch der Dalai Lama nicht und es koennte sein dass man auch in Beijing diese Aufgabe weit unterschaetzt hat.
Wir moegen die Menschen und ihr Land und wir sind dankbar, dass wir eine Weile bei ihnen sein konnten und wir hoffen, dass es moeglich sein wird, ihnen in ihrer schwierigen Lage zu helfen.
P.S.: Bilder von unserer Reise findet ihr hier : http://www.adayo.net/uhu/cpg148/thumbnails.php?album=11